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Orchester Eberhard Weise  

Sommer 1956, Jazz-Matinee mit der Eberhard-Weise-Combo im Görlitzer Kino Capitol. Ein Jahr darauf entschließen sich ehemalige Schüler der Musikschule Görlitz zur Gründung eines Jazzorchesters: Eberhard Weise, Richard Bergmann, Wolf Hudalla, Günter Kloß. Im Juni 1957 steht die erste Besetzung:

ORCHESTER EBERHARD WEISE - GÖRLITZ 1957

Orchster Ebeerhard Weise 1957

:: Eberhard Weise (ld, arr, tb, p) Ernst-Barlach-Theater Güstrow
:: Richard Bergmann (tb, p, arr) Kleist-Theater Frankfurt/Oder
:: Henry Walter (tb, arr. p, viola) vom Volkstheater Rostock
:: Wolfgang Schönfeld (tp, voc) vom Orchester Fritz Klose
:: Ernst-Ludwig Petrowsky (as, ts, v) Musikhochschule Weimar :: Günter Kloß (ts, cl) vom Orchester Fritz Klose
:: Wolf Hudalla (bars, cl) vom Orchester Heinz Hänsch
:: Ulrich Türkowsky (b, bjo) vom Orchester Max Reichelt
:: Christian Stäber (dr) - Dixieland-Amateur aus Dresden
:: Werner Naumann (voc) vom Kleist-Theater Frankfurt/Oder

Hier finden sich 1957 Enthusiasten, die sichere Engagements sausen lassen, um Jazz spielen zu können. Und warum in Görlitz? Weil es hier etwas für DDR-Verhältnisse exotisches gibt: Einen jazzbegeisterten Kulturfunktionär namens Günter Rosal, der sich weniger um die kulturpolitische Linie schert, als vielmehr bestrebt ist, ein modernes Orchester zu etablieren, das neben Jazz jugendgemäße Musik spielt. Er ist es auch, der für alles das sorgt, was die Musiker brauchen, vom Probenraum über Wohnungen bis zu Arbeitsplätzen für die Frauen.

Doch Jazz ist nicht ohne Risiken und Nebenwirkungen:

Premiere des Weise-Orchesters am 31.Juli 1957 in Peitz:
Wirt und Publikum in Erwartung von Tanz- und Stimmungsmusik bekommen West Coast, Cool Jazz und ein bisschen Dixieland zu hören.

Ergebnis: Schock, alle Verträge gekündigt!

Aber es gab auch Positives: "Sächsische Zeitung" v. 5. 8.1957:

"...Kürzlich hatte ich Gelegenheit, das Jazz-Orchester Eberhard Weise zu hören und möchte deshalb nicht versäumen, an dieser Stelle Görlitz zu diesem Orchester zu beglückwünschen. Viele Städte der DDR werden die Neißestadt darum noch beneiden. Es ist erstaunlich, was die Musiker leisten. Jeder von ihnen ist ein überdurchschnittlich begabter Solist und Meister auf seinem Instrument. Im Vergleich auf nationaler Ebene kann man es unbedingt als ein Spitzorchester Deutschlands bezeichnen. Es spielt vornehmlich modernen Jazz, zeichnet sich aber vor anderen Orchestern dadurch aus, dass es auch Oldtime-Jazz vollkommen stilecht spielt, wobei die Betonung auf stilecht liegt. Sehr empfehlenswert wäre es, wenn man den Rundfunk und die Schallplattenindustrie darauf aufmerksam machen würde, damit in dieser Beziehung eine Belebung - vornehmlich auf dem Schallplattenmarkt - zu verzeichnen wäre. Ich spreche hiermit die Hoffnung aus, dass wir dieses Orchester bald über unseren Rundfunk hören können."

Georg Nothdorf
Solobassist am Volkstheater Rostock"

Orchester Eberhard Weise

1958 kommen Werner "Bimbo" Gasch (dr), Josef Maxim Tausch (bars)

Zweiter - gravierender - Personalwechsel im April 1959: Günter Kloß, Josef Maxim Tausch, Ulrich Türkowsky und Werner Gasch steigen aus und gründen das Günter-Kloß- Quartett.

Die große Zeit der Bigbands geht Anfang der 60er Jahre zu Ende. Die Besetzungen werden dem Zeitgeist folgend kleiner. Es wird immer schwerer, eine Bigband zu verkaufen. Die Entwicklung macht auch um die Görlitzer Band keinen Bogen.

Eberhard Weise spielt in wechselnder Besetzung, u.a. mit Klaus Lenz, noch bis 1961, dann geht er zum Rundfunktanzorchester Leipzig. Die Auflösung des Orchesters bedeutete aber nicht das Ende des Jazz in Görlitz - im Gegenteil. Das Fundament war gelegt für die in den 60er Jahren entstehende Jazz-Szene um das Manfred-Ludwig-Sextett.

 

Manfred-Ludwig-Formationen    

Manfred-Ludwig-Sextett

Nach Auflösung des Orchesters Eberhard Weise schließen sich am 1. Januar 1962 sechs Musiker zu einer Band zusammen, die bald Jazz- Geschichte schreiben sollte:

:: Ernst-Ludwig "Luten" Petrowsky (ld, as)
:: Heinz Becker (tp)
:: Manfred "Catcher" Schulze (bars)
:: Siegfried Labrod (p)
:: Ulrich Türkowsky (b)
:: Werner "Bimbo" Gasch (dr)

Binnen Jahresfrist zählt die Band zu den ersten Jazz- Adressen in der DDR. Ab Januar 1963 ist sie Gastgeber der Neujahrs- Jam Session im Görlitzer Schuppen und Kern der Modern Jazz Bigband unter Klaus Lenz. Wolf Hudalla kommt 1963 für Manfred Schulze. Nicht nur in der DDR, auch im Ausland zählt das Manfred-Ludwig-Sextett in den folgenden Jahren zu den gefragtesten Jazz-Formationen überhaupt.

Im Programmheft der Veranstaltungsreihe JAZZ IN DER KAMMER des Deutschen Theater Berlin vom 23. Januar 1967 ist zu lesen:

"Die Geschichte des Petrowsky-Quintetts beginnt eigentlich 1957 mit der Gründung der Eberhard-Weise-Bigband. Nach der Auflösung dieses namhaften Jazz-Orche- sters im Jahre 1961 blieben nahezu alle Musiker dem Jazz weiterhin verbunden; vier von ihnen bildeten den Grundstock des 1962 gegründeten Manfred-Ludwig-Sextetts (der Name leitet sich aus den Vornamen der beiden Initiatoren Ernst-Ludwig Petrowsky und Manfred Schulze ab). Obwohl die Besetzung des Sextetts mehrfach wechselte, blieb erfreulicherweise die Qualität auf unvermindert hohem Niveau erhalten, was nicht zuletzt der glücklichen Hand Petrowskys zu verdanken ist. Stilistisch hatte die Gruppe bald ihren Sound gefunden, der ihr internationale Beachtung verschaffte. 1963 und 1964 gab das Sextett jeweils dreimonatige Gastspiele in der CSSR, verbunden mit Funk- und Fernsehaufnahmen. Funkproduktionen beim Sender Dresden und beim Berliner Rundfunk, zwei AMIGA-Schallplatten sowie Jazz-Konzerte in allen Bezirken der DDR sind weitere Fakten auf der Erfolgsliste des Manfred-Ludwig-Sextetts.

 

Während das Sextett neben Jazz-Konzerten auch Tanzabende bestritt, gründete Petrowsky 1966 eine band within the band, die in Quintett- bzw. Quartett- Besetzung ausschließlich mit Jazzmusik an die Öffentlichkeit tritt. Über seine Musik sagt Ernst-Ludwig Petrowsky selbst, sie bewege sich innerhalb des modernen bop, allerdings in dem, der um Dolphy, Coleman, Shepp, Henderson weiß und gelegentlich auch einmal einen Ausflug in Bereiche des Free Jazz riskiert, jedoch nicht, ohne in die Mitte zurückzufinden."

Das Manfred-Ludwig-Sextett gehört zu den wenigen Bands, denen in der DDR die Möglichkeit gegeben wurde, eine Jazz- Platte aufzunehmen. Die Platte Jazz mit Dorothy Ellison & dem Manfred-Ludwig-Sextett dürfte zu den wenigen gehören, die nicht im Playback-Verfahren, sondern im direkten Zusammenmusizieren von Sängerin und Band entstand und daher von besonderer Authentizität ist.
Dorothy Ellison & Manfred-Ludwig-Sextett

Manfred-Ludwig-Sextett 1970 - Die Zäsur:

Was im Programmheft von Jazz in der Kammer schon anklingt, bestätigt sich:

Ernst-Ludwig-Petrowsky wendet sich mehr und mehr dem Free Jazz zu, verläßt 1970 das Manfred-Ludwig-Sextett und beginnt seine erfolgreiche Solo-Karriere. Für das Manfred-Ludwig-Sextett bedeutet der Ausstieg eine Zäsur. Das Fehlen des spiritus rector ist quasi das Ende des Jazz für die Band.

Sie spielt allerdings weiterhin auf höchstem Niveau und zählt bis 1990, dem Zeitpunkt ihrer Auflösung zu den Spitzen-Programm- und Show-Bands der DDR, unterwegs im In- und Ausland.

Folgende weitere Spitzenmusiker spielten neben den schon genannten im Manfred-Ludwig-Sextett:

:: Herbert Rößner (tp)
:: Klaus Lenz (tp)
:: Hermann Anders (tp)
:: Conrad Bauer (tb, g)
:: Max Tolsdorf (g)
:: Siegfried Groß (p)
:: Winfried Berger (p)
:: Armin Baptist (p)
:: Reinhard Lakomy (p)
:: Klaus Lübke (dr)
:: Günter Sommer (dr)
:: Manfred Schmidt (dr)

 

Klaus-Lenz-Bigband    

Klaus-Lenz-Bigband

Der Berliner Trompeter und Bandleader Klaus Lenz kannte von seiner Tätigkeit im Orchester Eberhard Weise die musikali- schen Qualitäten des Manfred-Ludwig-Sextetts. Er formierte um diesen Görlitzer Kern mit weiteren herausragenden Jazzmusikern aus verschiedenen Bands seine Modern Jazz Bigband. Er selbst schrieb die meisten Arrangements, in Görlitz wurde geprobt und im Januar 1963 liefen die ersten Konzerte:

:: Klaus "Bulle" Lenz (ld, arr, tp) - Quintett 61 Berlin
:: Heinz Becker (tp) - Manfred-Ludwig-Sextett Görlitz
:: Günter Gocht (tp) - Orchester Astoria Neugersdorf
:: Wielaw Eissymont (tp) - Orchester Walasek (Polen)
:: Herbert Rößner (tp) - Orchester Heinz Hänsch Löbau
:: Karl-Heinz Fabian (tb) - Orchester Astoria Neugersdorf
:: Alexander Schilling (tb) - Ali Schilling-Sextett Berlin
:: Hermann Anders (tb) - Jazzoptimisten Berlin
:: Bap-Tommy (tb) - Jazzoptimisten Berlin
:: Ernst-Ludwig Petrowsky (as) - M.-Ludwig-Sextett Görlitz
:: Joachim Gocht (as) - Orchester Astoria Neugersdorf
:: Heinz Schröter (ts) - Quintett 61 Berlin
:: Heinz Cogil (ts) - Orchester Astoria Neugersdorf
:: Manfred Schulze (bars) - M.-Ludwig-Sextett Görlitz
:: Ulrich Türkowsky (b) - Manfred-Ludwig-Sextett Görlitz
:: Siegfried Ziegert (b) - Orchester Astoria Neugersdorf
:: Werner Gasch (dr) - Manfred-Ludwig-Sextett Görlitz
:: Udo Reichelt (dr) - Quintett 61 Berlin
:: Joachim Kühn (p) - Werner-Pfüller-Quintett Leipzig
:: Karl-Heinz Drechsel (Sprecher)

Der Erfolg war so überwältigend, dass man sich im Januar 1964 erneut zusammenfand und wieder auf Tournee ging: Diesmal gab es Konzerte in 13 Städten.

 

Die Fachpresse urteilte euphorisch, Karl-Heinz Drechsel, nachgewiesene Jazz-Autorität der DDR:

"...die 64er Band zeigte sich weniger impulsiv-expressiv, jedoch wesentlich ausgereifter und homogener...
...Unter der Relation der außerordentlich kurzen Probezeit (normalerweise benötigt eine neuformierte Bigband mehrer Monate zur Einspielung) und der zusätzlichen Anforderungen an alle Beteiligten verdient das Resultat der Modern JazzBig Band uneingeschränkte Anerkennung...
...Überragender Solist aller Konzerte war Ernst-Ludwig Petrowsky, der Leiter des Görlitzer Manfred-Ludwig-Sextetts. Er hat als Altsaxophonist ein Format erreicht, das ihn heute zur inter- nationalen Spitzenklasse reiht..."

1967 wandte sich Lenz trotz 10 ausverkaufter Konzerte des Jahres 1966 anderen Projekten zu. Von der Modern Jazz Big Band des Klaus Lenz sind die Livemitschnitte von AMIGA geblieben:
Klaus-Lenz-Bigband LP 2 Klaus-Lenz-Bigband LP 2

LP Lenz Bigband 1965
LP Lenz Bigband mit Manfred Krug

Außer den genannten spielten folgende weitere Musiker in den vier Modern-Jazz-Bigbands der Jahre 1963 bis 1966:

:: Ernst Hajek (tp) - Orchester Schwarz-Weiß Aue
:: Bojidar Hristoff (tp) - Bulgarien
:: Peter Baptist (tb) - Klaus-Lenz-Sextett Berlin
:: Hans Lippold (tb) - Weißensee-Sextett Berlin
:: Hubert Katzenbeier (tb) - RTO des Berliner Rundfunks
:: Klaus Smesny (as) - Orchester Alfons Wonneberg
:: Iri Antonov (as) - Theo-Schumann-Quintett Dresden
:: Micha Sokoloff (ts) - Klaus-Lenz-Sextett Berlin
:: Günter Fischer (ts) - Klaus-Lenz-Sextett Berlin
:: Jens Glevke (ts) - Klaus-Lenz-Sextett Berlin
:: Armin Baptist (p) - Klaus-Lenz-Sextett Berlin
:: Henning Protzmann (b) - Klaus-Lenz-Sextett Berlin
:: Horst Krüger (b) - Klaus-Lenz-Sextett Berlin
:: Günter Sommer (dr) - Klaus-Lenz-Sextett Berlin
:: Wolfgang Winkler (dr) - Manfr.-Ludwig-Sextett Görlitz

 

   
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